Eine Erinnerung an den „Achill Voices“ Autoren Robert Redmond

Achill Voices (2007) von Robert Redmond
„Achill Voices“ (2007) – Robert Redmond

14. Juli 2020 //

Es muss im Sommer 2006 gewesen sein. Ich stromerte mit einer Wandergruppe entlang der vielen steinernen Ruinen des verlassenen Dorfes, die am Hang des Berges Slievemore wie an einer Schnur aufgereiht stehen. Das fünfte Kapitel von Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“, in dem er diese Ruinen beschreibt, hatte ich schon in Auszügen vorgelesen und nun erkundeten meine Gäste die Häuser genauer und machten Fotos. Ich beobachtete derweil drei Männer, die den Hang zu den Ruinen heraufkamen. Sie blieben stehen, guckten sich um, redeten kurz miteinander, und gingen weiter. In meine Richtung.

Mich überkam die Neugier, denn nach normalen Touristen sahen sie nicht aus. Ich ging ein paar Schritte auf sie zu und warf ihnen ein freundliches „Hello, how are you?“ zu. „Gut geht’s, und selbst?“, antwortete einer der drei – ein freundlicher Mann in kurzen Hosen und Wandersandalen, der der Chef der Gruppe zu sein schein. „Ja, danke, mir auch“, erwiderte ich. „Sind Sie auch hier, um sich das verlassene Dorf anzugucken?“

Ja, er suche nach Fotomotiven, sagte er. Pause. Für ein Buch, das er schreiben wolle. Pause. „Sie wissen nicht, wer ich bin, oder?“ Er lächelte verschmitzt. Oh je, welche Berühmtheit hatte ich denn da vor mir? Ich hatte keine Ahnung. Und dann folgten die Sätze, an die dich ich mich bis heute erinnere. „I am Robert Redmond, famous Irish photographer.“ „Oha,“ gab ich schlagfertig zurück, „und ich bin Kerstin Otto, famous German tour guide!“ und deutete mit einer ausladenden Geste hin zu den Ruinen, in denen meine Gäste herumkrabbelten.

Wir grinsten beide, schüttelten uns die Hände, sprachen über die alten Kartoffelfelder, die man immer noch gut sehen kann – nach über 150 Jahren! – machten dann noch ein wenig small talk und gingen schließlich unserer Wege.

Als das Buch 2007 herauskam, kaufte ich es natürlich. Viele Menschen, die Robert für das Buch fotografierte und über die er schrieb, sind inzwischen nicht mehr am Leben, bemerkte ich, als ich das Buch in den letzten Tagen wieder zur Hand nahm.

Am 3. Juli 2020 verstarb auch Robert Redmond. Und obwohl ich ihn nicht weiter kannte und die Begegnung am Hang des Slievemore meine erste und einzige mit ihm war, hatte ich doch das Bedürfnis, diese Begebenheit aufzuschreiben und mich so noch einmal an diesen freundlichen Mann zu erinnern. May he rest in peace.

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